Der Romberg-Test ist eine der häufigsten Nüchternheitsprüfungen, die Polizeibeamte bei Verkehrskontrollen einsetzen. Viele Autofahrer wissen nicht, dass dieser Test grundsätzlich freiwillig ist – und dass eine Ablehnung rechtlich zulässig sein kann. In diesem Artikel erfahren Sie, was der Romberg-Test genau ist, welche gesetzlichen Grundlagen gelten, was bei Ablehnung passiert und wie Sie Ihre Rechte wahrnehmen.
Was ist der Romberg-Test?
Der Romberg-Test ist ein neurologischer Koordinationstest, der ursprünglich aus der Medizin stammt. Bei der Polizeikontrolle wird er als sogenannter Feldnüchternheitstest eingesetzt. Der Ablauf:
- Sie stehen aufrecht mit geschlossenen Augen und zusammengelegten Füßen
- Die Arme werden waagerecht ausgestreckt, Kopf leicht nach hinten geneigt
- Sie sollen innerlich bis 30 zählen und dann signalisieren, wenn Sie meinen, 30 Sekunden vergangen sind
- Beamte beobachten dabei Gleichgewicht, Körperschwanken und die Zeitschätzung
Cannabis beeinflusst das Zeitgefühl – unter THC-Einfluss schätzen Betroffene 30 Sekunden häufig zu kurz ein (sogenannte Zeitraffung). Alkohol hingegen bewirkt oft eine Zeitverlängerung. Polizeibeamte nutzen dies als Indiz für eine mögliche Beeinflussung.
Gesetzliche Grundlage: Ist der Test Pflicht?
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Speicheltest bei Cannabis-Kontrolle: Müssen Sie mitmachen und was ein positives Ergebnis wirklich bedeutet15 Min. LesezeitHier liegt der entscheidende Punkt: Der Romberg-Test ist keine gesetzlich vorgeschriebene Pflichtmaßnahme. Die Rechtsgrundlagen im Überblick:
§ 81a StPO – Körperliche Untersuchung des Beschuldigten: Die Entnahme von Blutproben und körperliche Untersuchungen durch einen Arzt können angeordnet werden – aber nur durch einen Richter oder bei Gefahr im Verzug durch die Staatsanwaltschaft. Ein freiwilliger Feldtest wie der Romberg-Test fällt nicht darunter.
§ 163b StPO – Identitätsfeststellung: Die Polizei darf zur Identitätsfeststellung tätig werden, aber körperliche Koordinationstests gehören nicht zu den danach erlaubten Maßnahmen.
§ 36 StVO – Anhalten und Kontrollieren: Beamte dürfen Sie anhalten und nach Führerschein und Fahrzeugpapieren fragen. Ein Romberg-Test ist jedoch keine nach §36 StVO verpflichtende Maßnahme.
§ 24a StVG – Ordnungswidrigkeiten: Das Fahren unter Cannabis-Einfluss (ab 3,5 ng/ml THC im Blut gemäß CanG 2024) ist eine Ordnungswidrigkeit. Der Nachweis muss aber durch eine Blutprobe erfolgen – nicht durch einen Feldtest allein.
Fazit: Der Romberg-Test ist ein freiwilliger Test. Es gibt keine gesetzliche Norm, die Sie zur Durchführung verpflichtet.
Ihre Rechte: Dürfen Sie den Romberg-Test ablehnen?
Ja – grundsätzlich dürfen Sie den Romberg-Test ablehnen. Das Recht, sich nicht selbst zu belasten, ist ein fundamentales Recht im deutschen Rechtssystem. Es leitet sich aus dem nemo-tenetur-Grundsatz ab: Niemand muss gegen sich selbst aussagen oder aktiv zur eigenen Überführung beitragen.
Konkret bedeutet das:
- Sie müssen den Romberg-Test nicht durchführen
- Ihre Verweigerung darf nicht als Schuldgeständnis gewertet werden
- Polizeibeamte dürfen Sie nicht zwingen, den Test durchzuführen
- Eine Ablehnung ist keine Ordnungswidrigkeit und hat keine direkten Bußgeldfolgen
Was passiert, wenn Sie den Test ablehnen?
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- Beobachtung weiterer Anzeichen: Gerötete Augen, verlangsamte Reaktion, Cannabis-Geruch, Pupillengröße – all das kann als Indiz gewertet werden
- Pupillenlichttest und Gehtest: Weitere freiwillige Tests, die ebenfalls abgelehnt werden können
- Speicheltest: Ein Drogenvortest per Speichelprobe kann angeboten werden – auch dieser ist freiwillig, aber ein positives Ergebnis verstärkt den Verdacht erheblich
- Blutprobe: Bei hinreichendem Anfangsverdacht kann ein Richter eine Blutprobe anordnen (§ 81a StPO). Bei Gefahr im Verzug auch die Staatsanwaltschaft oder – in der Praxis häufig – die Polizei selbst (umstrittene Praxis)
Vergleich: Romberg-Test vs. andere Feldtests
| Test | Freiwillig? | Nachweiskraft | Indiziert auf |
|---|---|---|---|
| Romberg-Test | Ja | Gering (nur Indiz) | Cannabis, Alkohol |
| Pupillenlichttest | Ja | Mittel | Cannabis, Stimulanzien |
| Speichelvortest | Ja | Mittel (Vortest) | Verschiedene Substanzen |
| Atemalkoholtest | Ja (vorläufig) | Mittel (Vortest) | Alkohol |
| Blutprobe (§81a StPO) | Nein (bei Anordnung) | Hoch (Beweismittel) | Alle Substanzen |
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Das bedeutet für die Praxis:
- Ein positiver Romberg-Test allein reicht nicht für eine Verurteilung
- Entscheidend ist der Blutwert – nur dieser ist ein rechtlich verwertbares Beweismittel
- Auch ein THC-Wert über 3,5 ng/ml führt nicht automatisch zum Führerscheinentzug – es kommt auf den Einzelfall an
Gerichtsurteile zur Freiwilligkeit von Feldtests
OVG Münster, Beschluss vom 22.11.2021 (16 B 776/21): Das Gericht bestätigte, dass Feldnüchternheitstests freiwillig sind und die bloße Verweigerung eines Feldtests keinen hinreichenden Tatverdacht begründen kann, der allein eine Blutentnahme rechtfertigt.
BVerfG, Beschluss vom 28.07.2008 (2 BvR 784/08): Das Bundesverfassungsgericht betonte, dass die Anordnung einer Blutentnahme einen tatsächlichen Anfangsverdacht voraussetzt. Vage Vermutungen oder allgemeine Kontrollen ohne konkrete Auffälligkeiten genügen nicht.
BGH, Urteil vom 15.03.2018 (4 StR 432/17): Der BGH stellte klar, dass Feldtestergebnisse zwar als Indiz herangezogen werden können, aber kein eigenständiges Beweismittel darstellen. Ausschlaggebend bleibt die toxikologische Auswertung der Blutprobe.
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- Dokumente bereithalten: Führerschein und Fahrzeugschein aushändigen – das ist Pflicht. Alles andere ist freiwillig.
- Höflich aber bestimmt ablehnen: "Ich möchte den Test nicht durchführen und mache von meinem Recht, dazu zu schweigen, Gebrauch." – sachlich und ohne Konfrontation.
- Nichts zugeben: Keine Angaben über Cannabiskonsum, auch keine partielle Einräumung ("Ich habe gestern Abend..."). Schweigen ist Ihr Recht.
- Anwalt hinzuziehen: Bei ernsthaftem Verdacht und drohender Blutentnahme: Anwalt anrufen, bevor Sie weitere Aussagen machen.
- Blutentnahme nicht behindern: Wenn eine richterlich angeordnete Blutentnahme ansteht, widerstehen Sie nicht physisch – das ist strafbar (§ 113 StGB).
- Alles dokumentieren: Notieren Sie danach Uhrzeit, Ort, Namen der Beamten, genaue Abläufe – das ist für eine spätere Verteidigung wichtig.
Wann sollten Sie einem Anwalt konsultieren?
Ein Rechtsanwalt für Verkehrsrecht sollte hinzugezogen werden, wenn:
- Eine Blutprobe entnommen wurde
- Ihnen eine Ordnungswidrigkeit nach §24a StVG oder eine Straftat vorgeworfen wird
- Ihr Führerschein sichergestellt wurde
- Sie unsicher sind, ob der Anfangsverdacht rechtmäßig war
Die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Blutentnahme ist ein wichtiger Verteidigungsansatz: War kein Richter einbezogen und lag keine echte Gefahr im Verzug vor, könnte ein Beweisverwertungsverbot für die Blutprobe in Betracht kommen.